Poor Things: Yorgos Lanthimos in Hoechstform

Les 3 points à retenir
- 1Guide complet et conseils pratiques
- 2Avis d'experts et recommandations
- 3FAQ et réponses aux questions fréquentes
Eine Welt wie keine andere
Poor Things ist Yorgos Lanthimos' zugaenglichster Film — was angesichts seiner bisherigen provokanten, verstoerenden Werke nicht viel heissen will. Doch unter der bonbonfarbenen viktorianisch-steampunkigen Oberflaeche verbirgt sich eine scharfsinnige, ueberraschend bewegende Geschichte ueber koerperliche Selbstbestimmung, Neugier, intellektuelle Freiheit und die Frage, was es bedeutet, ein vollstaendig verwirklichter Mensch zu werden.
Basierend auf Alasdair Grays Roman von 1992 erzaehlt der Film die Geschichte von Bella Baxter — einer jungen Frau, die vom exzentrischen Dr. Godwin Baxter (Willem Dafoe) von den Toten zurueckgeholt wurde, wobei ihr Gehirn durch das ihres ungeborenen Kindes ersetzt wurde. Was folgt, ist eine pikarische Entdeckungsreise, auf der Bella ihrem behueteten Londoner Leben entflieht und die weite Welt zum ersten Mal erlebt — unbelastet von gesellschaftlichen Konventionen oder Anstand.
Emma Stones Glanzleistung
Emma Stone liefert die Darbietung ihrer Karriere — und wohl eine der grossen Leinwandleistungen des Jahrzehnts — als Bella Baxter. Ihre Entwicklung von kindlicher Unschuld zu weltgewandter Raffinesse ueber die Dauer von zwei Stunden zu beobachten, ist gleichermassen urkomisch und zutiefst beruehrend. Stone gibt sich Bellas anfaenglicher koerperlicher Unbeholfenheit vollkommen hin, mit einem ruckartigen, unkoordinierten Bewegungsstil, der sich allmaehlich in selbstbewusste Eleganz glaettet.
Es ist koerperliche Komik auf hoechstem Niveau, getragen von echter emotionaler Intelligenz. Stone findet Humor in Bellas unverblumter Ehrlichkeit und sexueller Freimutigkeit, ohne sie jemals zur Witzfigur zu degradieren. Im Finale des Films, wenn Bella sich den patriarchalen Strukturen entgegenstellt, die sie kontrollieren wollen, bringt Stone eine stille Wut mit, die umso wirkungsvoller ist angesichts des weiten Weges, den die Figur zurueckgelegt hat.
Der Oscar als Beste Hauptdarstellerin war wohlverdient — und bei einer Karriere, die La La Land und The Favourite umfasst, will das etwas heissen.
Die Nebenbesetzung
Willem Dafoe ist grossartig als Dr. Godwin „God" Baxter, verborgen unter prothetischer Vernarbung, die ihn wie ein Frankenstein-Monster aussehen laesst, das Universitaetsprofessor geworden ist. Seine Beziehung zu Bella schwankt zwischen vaeterlicher Hingabe und wissenschaftlicher Distanz, und Dafoe findet echte Zartheit in einer Rolle, die leicht als reine Groteske haette gespielt werden koennen.
Mark Ruffalo liefert eine seiner feinsten komischen Darbietungen als der aufgeblasene, selbstgefaellige Anwalt Duncan Wedderburn. Sein langsamer Abstieg vom stolzierenden Verfuehrer zum eifersuchtigen Wrack, waehrend Bella ueber ihn hinauswaechst, ist eines der grossen Vergnuegen des Films. Ruffalo spielt die Komoedie maennlicher Anspruchshaltung mit verheerender Praezision.
Ramy Youssef bringt Waerme und Anstaendigkeit in Max McCandles, Bellas vorgesehenen Verlobten, waehrend Jerrod Carmichael einen kurzen, aber unvergesslichen Auftritt als weltgewandter Begleiter hat, der Bella in Philosophie und soziale Gerechtigkeit einfuehrt.
Visuelles Fest: Produktionsdesign und Kameraarbeit
Das Produktionsdesign von Shona Heath und James Price ist aussergewoehnlich und verdient ausfuehrliche Wuerdigung. Der Film erschafft eine alternative viktorianische Welt, die wie ein Fiebertraum wirkt, illustriert von Edward Gorey und gemalt von Salvador Dali. London wird mit unmoegleicher Architektur neu erdacht — Bruecken, die sich wie Rippen kruemmen, Gebaeude, die in schiefen Winkeln lehnen, und Innenraeume, vollgestopft mit anatomischen Modellen und bizarren mechanischen Apparaten.
Robbie Ryans Kameraarbeit wechselt zwischen Fischaugenobjektiven, die die Welt in Bellas fruehen Szenen in eine blasenartige Surreralitaet verzerren, und wunderschoenen Weitwinkelaufnahmen, die sich oeffnen, wenn sich ihr Blickfeld erweitert. Es ist eine technische Entscheidung, die die psychologische Entwicklung der Figur brillant widerspiegelt. Der Uebergang von Schwarz-Weiss zu Farbe, als Bellas Welt sich ausdehnt, ist ein weiterer Geniestreich.
Das Kostuemdesign von Holly Waddington verdient einen eigenen Absatz. Bellas Garderobe entwickelt sich von infantilen Puffaermekleidern zu zunehmend kuehnen, avantgardistischen Kreationen, die ihre wachsende Autonomie widerspiegeln. Waddington gewann den Oscar, und das voellig zu Recht.
Themen: Freiheit, Verlangen und das Patriarchat
Lanthimos und Drehbuchautor Tony McNamara nutzen Bellas Geschichte als Vehikel fuer eine ueberraschend aufrichtige Erkundung feministischer Philosophie. Weil Bella keine gesellschaftliche Praegung besitzt, begegnet sie Sex, Geld, Macht und Wissen mit radikaler Offenheit. Die Maenner um sie herum — die alle glauben, sie besitzen oder kontrollieren zu koennen — scheitern ausnahmslos an ihrer Weigerung, nach deren Regeln zu spielen.
Der Film geht mit Sexualitaet auf eine Weise um, die manche Zuschauer herausfordern mag, aber er ist nie selbstzweckhaft. Bellas sexuelles Erwachen wird als natuerlicher Teil ihrer umfassenderen intellektuellen und emotionalen Entwicklung praesentiert — nicht skandaloeser als ihre Entdeckung von Buechern, Gebaeck oder sozialer Ungleichheit.
Jerskin Fendrix' Filmmusik
Die Filmmusik von Jerskin Fendrix gehoert zu den unverwechselbarsten und einpraegsams ten Scores der letzten Jahre. Aufgebaut aus verzerrten Streichern, uebel klingenden Tonbeugungen und unerwarteten melodischen Fragmenten, klingt sie wie ein klassisches Orchester im psychotischen Zusammenbruch — eine perfekte Ergaenzung zur Aesthetik des Films, in der Schoenheit durch Verzerrung entsteht.
Die 4K Disc
Die 4K-Praesentation ist hervorragend. Die lebhafte Farbpalette — all diese Tuerkis-, Rosa-, Gold- und OP-Gruentoene — kommt in HDR wunderschoen zur Geltung, wobei Dolby Vision nuancierte Spitzlichter liefert, die den fantastischen Kulissen eine fast greifbare Textur verleihen. Die Schattendetails in den daemmrigen Laborsequenzen sind ausgezeichnet.
Die Atmos-Tonspur ist verspielt und immersiv und ergaenzt Fendrix' wunderbar exzentrischen Score perfekt. Umgebungseffekte — das Summen von Gaslampen, das Klappern von Pferdekutschen, die fernen Geraeusche einer imaginaeren Stadt — werden praezise ueber die Surroundkanaele verteilt.
Bonusmaterial
Die Disc enthaelt eine Making-of-Dokumentation, die die bemerkenswerten praktischen Effekte zur Erschaffung der Filmwelt enthuellt, sowie Interviews mit Stone und Lanthimos ueber ihre kreative Partnerschaft. Eine Galerie von Produktionsdesign-Konzepten zeigt den aussergewoehnlichen Aufwand, der in jedes einzelne Bild geflossen ist.
Fazit
Poor Things ist Kino als Abenteuer — mutig, schraeg, witzig und letztlich bewegend. Es ist die Art von Film, die bei mehrmaligem Sehen belohnt wird und jedes Mal neue Details und thematische Schichten offenbart. Auf Disc ist er ein visuelles und klangliches Schaustueck, das die Investition in hochwertige Heimkino-Ausstattung rechtfertigt.
In einem Jahr voller herausragender Filme ragt Poor Things als etwas wahrhaft Eigenstaendiges heraus — ein Film, der nur von diesem Regisseur, mit dieser Schauspielerin, zu genau diesem Zeitpunkt haette gemacht werden koennen.
Bewertung: 8,5/10

À propos de l'auteur
James Carter
Critique cinéma & home-cinéma
Passionné de cinéma et de technologie audiovisuelle, James chronique les dernières sorties et teste les meilleurs équipements home-cinéma depuis plus de 10 ans.
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