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Kino

The Zone of Interest: Ein verstoerendes Meisterwerk

Jardin paisible avec un mur imposant, atmosphère du film The Zone of Interest

Les 3 points à retenir

  • 1Guide complet et conseils pratiques
  • 2Avis d'experts et recommandations
  • 3FAQ et réponses aux questions fréquentes

Kino der Abwesenheit

Jonathan Glazers The Zone of Interest ist anders als alles, was man je gesehen hat — und genau das ist der Punkt. Er erzaehlt die Geschichte von Rudolf Hoess, dem Kommandanten von Auschwitz, und seiner Familie, die in haeuslicher Idylle in einem komfortablen Haus gleich hinter den Lagermauern lebt. Doch der Film zeigt niemals, was auf der anderen Seite geschieht. Wir sehen Gartenpartys, Gutenachtgeschichten, eine Mutter, die Blumen pflanzt, Kinder, die im Pool planschen. Das Grauen ist stets gegenwaertig — im Klang, im Rauch ueber der Mauer, in der beilaeufigen Gleichgueltigkeit der Familie — aber es wird niemals gezeigt.

Diese Abwesenheit ist verheerend. Glazer zwingt das Publikum, die Bilder selbst zu liefern, und greift dabei auf unser kollektives Wissen ueber den Holocaust zurueck, um die Leere zu fuellen. Es ist eine radikale formale Strategie, die den Kommentar des Films ueber Komplizenschaft nicht nur intellektuell, sondern zutiefst koerperlich spuerbar macht.

Die Vorlage

Der Film teilt seinen Titel mit Martin Amis' Roman von 2014, doch Glazers Adaption ist aeusserst frei. Wo Amis eine komplexe fiktionale Erzaehlung konstruierte, reduziert Glazer die Geschichte auf ihre dokumentarische Essenz. Die Familie Hoess hat existiert. Das Haus hat existiert. Der Garten, nur durch eine einzige Mauer vom Lager getrennt, hat existiert. Indem Glazer den Film in der historischen Realitaet verankert, macht er seine Implikationen universell: So sieht alltaegliches Boeses aus, und es sieht aus wie eine Familie, die ihrem Alltag nachgeht.

Sounddesign als Erzaehlkunst

Das Sounddesign des Films, von Johnnie Burn, ist sein maechtigstes und meistdiskutiertes Element. Burn verbrachte Monate damit, eine detaillierte, vielschichtige Klanglandschaft aus historischer Recherche und Feldaufnahmen zusammenzustellen. Entfernte Schreie, Schuesse, das Grollen von Zuegen und Industrielaerm bilden eine konstante, fast unterschwellige Kulisse zu Szenen haeuslicher Normalitaet.

Auf einer hochwertigen Tonanlage ist die Wirkung zutiefst verstoerend. Man faengt Fragmente auf — hier ein Schrei, dort ein mechanisches Mahlen —, die das Gehirn verarbeitet, bevor das bewusste Denken sie einordnet. Es ist das akustische Aequivalent des peripheren Sehens: Das Grauen existiert am Rande der Wahrnehmung, unmoeglich gaenzlich zu ignorieren, aber niemals direkt konfrontiert. In vielerlei Hinsicht IST das Sounddesign die These des Films: Graeueltaten kuendigen sich nicht an fuer jene, die sich entscheiden, nicht hinzusehen.

Die Sequenz, in der Hoess' Mutter zu Besuch kommt und, unfaehig zu schlafen wegen der Geraeusche und des Leuchtens der Krematorien, in aller Stille ihre Koffer packt und vor Morgengrauen abreist, ist eine der verheerendsten Szenen des neueren Kinos — und sie wird fast ausschliesslich ueber den Ton erzaehlt.

Ein technisches und regiemaessiges Meisterwerk

Glazers Drehansatz war ebenso radikal wie das Konzept des Films. Zehn versteckte Kameras wurden in einer akribisch rekonstruierten Version des echten Hoess-Hauses installiert, das am Originalschauplatz in Auschwitz erbaut wurde. Die Schauspieler — angefuehrt von Christian Friedel als Rudolf und Sandra Hueller als Hedwig — spielten ganze Szenen ohne sichtbares Filmteam, fernueberwacht von Glazer. Das Ergebnis hat eine voyeuristische, fast ueberwachungskamerahafte Qualitaet, die das Gefuehl dokumentarischen Unbehagens im Film immens verstaerkt.

Das digitale Intermediate ist makellos — die banale Schoenheit der haeuslichen Szenen, mit ihren sorgfaeltig angelegten Gaerten und sonnendurchfluteten Innenraeumen, kontrastiert scharf mit dem, was wir jenseits des Bildrandes wissen. Kameramann Lukasz Zal filmt alles mit klinischer Praezision, die Kamera bewegt sich selten, die Kompositionen sind statisch und symmetrisch. Es ist die visuelle Sprache haeuslicher Zufriedenheit, zur Waffe geschmiedet fuer etwas zutiefst Unheimliches.

Christian Friedel und Sandra Hueller

Christian Friedel spielt Rudolf Hoess mit einer erschreckenden Banalitaet. Er ist kein Monster in irgendeiner sichtbaren Weise — er ist ein Buerokrat, ein Karrierist, ein Vater, der seine Kinder liebt und auf seinen Garten stolz ist. Das Grauen liegt darin, wie leicht er seine Arbeit von seinem Privatleben trennt. Wenn er die Logistik der Vernichtung bespricht, verwendet er denselben Ton wie fuer Haushaltsbudgets.

Sandra Hueller — die im selben Jahr auch in Anatomie eines Falls eine aussergewoehnliche Leistung ablieferte — ist als Hedwig ebenso bemerkenswert. Sie ist die „Koenigin von Auschwitz", wie sie sich selbst nennt, und geniesst das komfortable Leben, das das Lager ermoeglicht. Ihre Freude beim Anprobieren eines Pelzmantels, der einer Gefangenen abgenommen wurde, ist einer der leise erschuetterndsten Momente des Films.

Mica Levis Filmmusik

Mica Levis Score wird sparsam eingesetzt, aber mit verheerender Wirkung. Abstrakte, atonale Passagen unterstreichen Schluesselmomente und erzeugen ein Gefuehl kosmischen Schreckens, das ueber die historische Spezifitaet der Erzaehlung hinausgeht. Die Waermebildkamera-Sequenzen — die ein einheimisches Maedchen zeigen, das nachts heimlich Essen fuer Gefangene versteckt — werden von einigen der eindringlichsten Klaenge des zeitgenoessischen Kinos begleitet.

Auszeichnungen und Anerkennung

The Zone of Interest gewann den Grand Prix bei den Filmfestspielen von Cannes 2023 und erhielt anschliessend den Academy Award fuer den Besten Internationalen Film und den Besten Ton. Der Erfolg des Films war eine Bestaetigung von Glazers kompromissloser kuenstlerischer Vision — dies ist kein leichter oder kommerzieller Film, und seine Anerkennung durch die grossen Preisverleihungen spricht fuer seine unbestreitbare Wirkungskraft.

Die Heimvideo-Praesentation

Die Blu-ray-Veroeffentlichung bewahrt die bewusst gedaempfte Farbpalette und das 1,33:1 Academy-Seitenverhaeltnis des Films mit Praezision. Dies ist ein Film, der bewusst flach und haeuslich aussehen soll — die Disc gibt diese Aesthetik originalgetreu wieder, ohne Details zu opfern.

Die verlustfreie Tonspur ist absolut unverzichtbar. So viel der Wirkung dieses Films haengt davon ab, was man hoert, nicht was man sieht. Die DTS-HD MA 5.1-Tonspur platziert die entfernten Geraeusche des Lagers in den hinteren Kanaelen mit erschreckender Subtilitaet. Eine hochwertige Surround-Anlage verwandelt das Seherlebnis von verstoerend zu wahrhaft erschuetternd. Dies ist eines der staerksten Argumente fuer physische Medien gegenueber Streaming — die komprimierte Tonspur der Streaming-Dienste entfernt genau jene Schichten, die diesen Soundtrack so wirkungsvoll machen.

Technische Spezifikationen

  • Video: 1080p AVC, 1,33:1 Seitenverhaeltnis
  • Audio: DTS-HD Master Audio 5.1
  • Untertitel: Englisch, Deutsch, Polnisch

Abschliessende Gedanken

Dies ist kein leichter Film, aber ein essenzieller. The Zone of Interest ist Filmkunst in ihrer konsequentesten und provokativsten Form — ein Film, der seinem Publikum vollstes Vertrauen schenkt und die Katharsis konventioneller Holocaust-Erzaehlungen verweigert. Es gibt keine heroischen Rettungen, keine laeuternden Erzaehlboegen, keine Traenen der Erkenntnis. Es gibt nur die Mauer, den Garten und den Rauch.

Jonathan Glazer hat einen Film darueber gemacht, wie Graeueltaten nicht von Schurken ermoeglicht werden, die im Dunkeln hohnlachen, sondern von gewoehnlichen Menschen, die ihre Gaerten pflegen, waehrend die Welt nebenan brennt. Es ist eine Botschaft, die weit ueber ihren historischen Rahmen hinausreicht — und genau das macht diesen Film zu einem essenziellen Seherlebnis unserer Zeit.

Bewertung: 9/10

Sophie Laurent

À propos de l'auteur

Sophie Laurent

Experte high-tech & audio

Ingénieure de formation, Sophie décrypte les technologies audio et vidéo pour vous aider à choisir le meilleur équipement selon votre budget.